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Im anderen Deutschland

Geschichtsunterricht mit einem DDR-Zeitzeugen

Die Erfahrungen von Zeitzeugen nutzten die Schüler der Hirschauer Mittelschule nicht das erste Mal und so hatten die Neuntklässler im Rahmen ihres  Geschichtsunterrichts Bernd Lutz zu Gast im Unterricht, der ihnen zum Thema „Nachkriegszeit" und „Leben in beiden deutschen Staaten"  zur Entwicklung der DDR und das Leben im anderen Teil Deutschlands eine Menge erzählen konnte.

Schulleiter Hans Meindl begrüßte  den gebürtigen Zwickauer Bernd Lutz im Unterricht, der sich gerne den Fragen der Schüler stellte und auch einige Episoden aus seinem Leben in der DDR erzählte. Überrascht waren alle, als er erinnerte, dass er mit der DDR immer Geburtstag feiern konnte, da er genau am Gründungstag der DDR mit nur vier anderen DDR-Bürgern geboren war. In den Kindergarten  sei er nach seinen Aussagen  mit drei Jahren gekommen, daneben hätte es  Tages- oder Wochenkinderkrippen gegeben, in denen die Kinder untergebracht werden konnten. Bei Schichtarbeitern bestand laut Lutz sogar die Möglichkeit, dass die Kinder am Montag in eine Krippe gegeben hätten und am Freitag wieder abgeholt. „Ziel der DDR war, dass die Frauen am Produktionsprozess teilnehmen sollten, um das Wirtschaftswachstum zu steigern“, ließ Bernd Lutz wissen. Nach der allgemeinen Schulpflicht hätte es die Möglichkeit der polytechnischen Oberschule und danach das Studium gegeben, aber keine Auswahl zwischen verschiedenen Realschulen und Gymnasien, was den Schülern einen großen Leistungsdruck erspart hätte. Die Freizeit hätte der ehemalige DDRler bei den Jungen Pionieren und später bei der Freien  Deutschen Jugend verbracht, mit denen viel unternommen worden sei. Er hätte nach seinen Aussagen in der Gesellschaft für Sport und Technik eine Vormilitärische Ausbildung gehabt, nach der er Betriebsschlosser bei der Reichsbahn erlernt hätte. Er erinnerte sich, dass sie in der Arbeit  immer wieder angehalten worden seien, den Fünf-Jahres-Plan zu erfüllen. Obwohl er selten erfüllt worden sei, sei  jeweils eine Übererfüllung des Plansolls an das Ministerium weiter gegangen, berichtete Bernd Lutz. „ Selbst das war Ulbricht, dem damaligen Staatsratsvorsitzenden zu wenig und er forderte, dass noch mehr aus den Betrieben  herauszuholen sei“, erinnerte er sich und fügte hinzu: Nicht wenige nahmen diese Forderung zu wörtlich und bedienten sich in den Betrieben mit Waren für private Zwecke“. Er zeigte an einem Beispiel die Macht der Staatssicherheit über die Polizei auf und erzählte, dass er  einmal das Auto eines Mannes vom Staatssicherheitsdienst reparieren musste, mit dem er anschließen eine Probefahrt unternommen hätte, bei der er auf dessen  Geheiß zu schnell gefahren und von der Polizei angehalten worden sei. Beim  Vorzeigen des Stasi-Ausweises sei der  Polizist stramm gestanden und man wäre  ungeschoren weitergefahren. Kaum zu glauben, war es für die Schüler, dass man schon bei der Geburt eines Kindes beim Autohändler einen Wagen bestellen musste, für  den die Wartezeit bei rund 15 Jahre gelegen hätte. Auf die Frage eines Schülers „Wie erlebten sie den Fall der Mauer und was haben Sie dann gemacht?" antwortete Bernd Lutz so: Er sei  LKW-Fahrer gewesen und hörte vom Mauerfall im Autoradio, worauf er nach der Schicht  heim fuhr und nachts noch seine Koffer gepackt hätte, um  dann mit der Familie Richtung Hof gegen Westen loszufahren. „Für eine Strecke von 100 Kilometer, für die man normalerweise rund  eine Stunde braucht, benötigte ich   acht Stunden, denn die ganze Autobahn war voll mit Trabis“. Morgens um 7 Uhr seien sie in Hof angekommen, wo sie bei einem Stadtbummel von fremden Menschen auf der Straße freundlich begrüßt  und sogar zum Frühstück eingeladen worden seien. Nach dem Frühstück hätten sie ihr Begrüßungsgeld abgeholt und anschließend sei seine Frau zum Netto gegangen. Wie Lutz berichtete sei sie nach 20 Minuten wieder gekommen und hätte gesagte, dass sie nicht wisse, was sie kaufen solle bei diesem großen Überangebot. Bereits zwei Wochen später, am 14. Dezember 1989, sei Bernd Lutz nach seinen Aussagen endgültig übergesiedelt, wo er als Kraftfahrer bald eine Arbeit gefunden hätte. „Meine Familie und ich haben den Wechsel bis heute nicht bereut“, stellte Lutz abschließend fest.

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